Interview mit Sven Fuchs von Graft

Sven Fuchs, Büroleiter des Berliner Graft-Büros

Das junge Architektenteam von Graft mit Büros in Los Angeles, Berlin und Peking arbeitet unter anderem für Brad Pitt und George Clooney. Doch für Hollywoodgrößen zu bauen allein genügt nicht, um ein erfolgreiches Büro wie Graft zu führen. Die vier Partner Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Gregor Hoheisel hinterfragen jeden Entwurf und nutzen den Rechner als Unterstützung für Ihre Entwürfe. Aber wie und in welchem Umfang nutzt das Büro die Möglichkeiten des Computers? DETAIL sprach mit Sven Fuchs, Büroleiter des Berliner Graft-Büros und seit 2002 dabei. Und DETAILtopic präsentiert einen Ausschnitt des Interviews in Text und Ton.


Detail: Wie wichtig ist Visualisierung in der Architektur für Sie und das Büro Graft?
Sven Fuchs (Graft): Wie für vermutlich die meisten andern Architekten auch, ist es ein sehr gutes Mittel, um einem Kunden zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Möglichkeit zu geben, erste Eindrücke von dem am Ende zu erwartenden Produkt zu geben. Und hier wird klar, wo der Vorteil und wo das große Problem liegt. Der Vorteil ist, dass man sehr schnell und sehr detailliert bestimmte Gestaltungsansätze, Detaillierungen und Ausbildungen überprüfen kann. Der Nachteil ist, dass dieser ganze Reichtum an Details und Prinzipien sehr früh öffentlich gemacht wird. Der Charme und der Spielraum von ursprünglichen Präsentationsmethoden wie zum Beispiel Handzeichnungen oder Aquarellen geht dabei verloren. Damit werden ganz oft Wünsche und Vorstellungen zu einem Zeitpunkt in einem Projekt geweckt, wo diese eigentlich noch unangemessen sind. Die unterschiedlichen Maßstäbe in Plandarstellungen haben ihre eigentliche Bedeutung im Arbeitsprozess. Die Ungenauigkeit, die eine Tür in einer Handzeichnung im Maßstab 1:500 noch hatte, ist heute verschwunden. Die Tür ist von der ersten Sekunde an 85,5 cm breit. Das ist eine Folge von CAD, die sich in der weiteren Darstellung natürlich fortsetzt. Man hat sehr früh sehr detaillierte Eindrücke und der Architekt wird an diesen Eindrücken auch gemessen. Ich beobachte bei sehr vielen Bauvorhaben oftmals die große Herausforderung für den Architekten, die Perspektive, mit der der Wettbewerb gewonnen wurde, beim Umsetzen noch möglich zu machen. Das ist ganz oft etwas, was sehr viele Menschen sehr lange beschäftigt.


Detail: Das ist auch genau eine der Fragen, die ich mir im Vorfeld notiert hatte: Kann die Architektur immer halten, was die Visualisierung verspricht? Wie groß ist die Chancen genau das zu transportieren, was der Bauherr auf dem ersten Bild gesehen hat, auch wirklich in die Umsetzung mitzunehmen. Oder anders: Gibt es zu einem bestimmten Zeitpunkt noch die Möglichkeit, dort auch wieder umzulenken bzw. einzulenken?
Sven Fuchs (Graft): Wir versuchen bei unserem Auftrag eigentlich, bei der Visualisierung ganz oft bestimmte Atmosphären einzufangen. Sehr vieles ist auf diesen Bildern noch unklar. Die Bilder haben meist nicht die Aufgabe eine fotorealistische Darstellung en detail zu zeigen. Dafür versuchen wir aber sehr schnell bestimmte Prinzipien zu zeigen. Und da hält die Architektur, was die Visualisierung verspricht. Wenn man nicht den Gefahren der Visualisierung erliegt, nämlich zum Beispiel der Möglichkeit, dass die Sonne von unten aus Nordrichtung kommen kann und das Gebäude in ein fantastischen Licht erstrahlen lässt, ist man sehr wohl in der Lage, das umzusetzen. Und wie weit man in der Lage ist, auch Veränderungen deutlich zu machen, hängt dann insbesondere immer von der jeweiligen Arbeitseinstellung des Architekten oder Gestalters als auch von der des Auftraggebers ab. Man muss dem Auftraggeber sehr deutlich erklären, dass das, was er dort sieht, jetzt zwar aussieht wie eine Fotografie, aber trotzdem nur eine Momentaufnahme des Entwurfs ist. Das Bild, das er dort vor Augen hat ist aber trotzdem nichts weiter als eine Skizze. Und diese Skizze hilft in ihrer Präzision im Idealfall, die Diskussion auf bestimmte Punkte zu lenken und an diesen Punkten auch zu arbeiten. Wenn das funktioniert hat, ist es dann am Ende vielleicht nicht mehr die Perspektive, die ursprünglich begeistert hat, die am Ende noch die Bedeutendste ist. Und wenn dieser Prozess durchlaufen wurde, kann man auch von diesen Bildern abweichen. Allerdings ist es bei uns auch so, dass sich viele dieser Visualisierungen 1:1 umsetzen lassen. Beim Hotel Q beispielsweise gibt es eine Handzeichnung von der Lobby. Diese Handzeichnung wurde irgendwann ersetzt durch ein grobes Computermodell. Diese grobe Visualisierung wurde ersetzt durch ein Rendering, dann durch ein Bausstellenfoto und später wiederum durch ein Foto eines Architekturfotografen, das das fertige Objekt darstellt. Also bis auf Nuancen kann man diese Bilder wirklich überblenden. Das ist natürlich dann schon ein größeres Erlebnis, wenn man sieht, wie die in der Handzeichnung erarbeitete Idee sich bis zum Ende durchgetragen hat. Allerdings gibt es auch wieder absolute Gegenbeispiele: Wenn Sie sich beispielsweise unser Projekt des Flagshipstores für DC-Shoes in New York anschauen. Dort werden Sie feststellen, dass die Darstellung, Gestaltung und auch Visualisierung der Arbeit, mit der wir den Wettbewerb gewonnen haben, überhaupt nichts mit den nachher realisierten Daten zu tun hat. Das sind zwei völlig verschiedene Projekte. Da ist es also ganz anders gekommen. Bei diesem Projekt hat der Auftraggeber wirklich gesagt: „Das ist eine Supergestaltung, gefällt uns unheimlich gut, aber wenn wir das Projekt umsetzen, macht ihr was anderes. Also wir haben den Auftrag bekommen und eine atmosphärische Darstellung in Form einer Visualisierung geschaffen, die dem Niveau des Auftrags gerecht wurde, haben aber dann etwas ganz anders verwirklicht. Das war auch mal ein sehr interessantes Vorgehen.


Detail: Läuft der eigentliche Entwurfsprozess bei Ihnen zu 100 % digital oder gibt es immer auch noch die Handzeichnung? Sie hatten es ja angedeutet, es gibt Skizzen im Vorfeld, die als Stimmungsbilder fungieren. Aber wie ist dann der eigentliche Prozess als solcher? Übertragen Sie den Entwurfsgedanken sofort in den Computer oder läuft da noch ganz viel über die klassische Handskizze?
Sven Fuchs (Graft): Das ist abhängig von den Fähigkeiten und Neigungen der Mitarbeiter sowie der Größe des Teams, das die entsprechenden Projekte bearbeitet. Und es ist natürlich auch abhängig von der Aufgabe, an der man arbeitet. Tatsache ist, dass einem der Computer alles so schön dreidimensional anzeigt. Das beeinflusst natürlich das Handeln. Nichtsdestotrotz ist es nur eine zweidimensionale Erfahrung. Die reine Arbeit im Computer trägt nicht weit. Bei großen Teams ist es so, dass Modelle, maßgeblich sind zur Kommunikation im Team und zur Veranschaulichung bestimmter Fortschritte und Ergebnisse. Die Handzeichnung ist nach wie vor die beste Methode, wie man im Gespräch darstellen kann, worüber man spricht. Worte sind unglaublich missverständlich. Nehmen wir den Braunschweiger Riegel. Jeder, der in Braunschweig studiert hat, weiß, was ein Braunschweiger Riegel ist. Sie haben einen Mitarbeiter, der nicht aus Braunschweig kommt, und erzählen ihm etwas vom Braunschweiger Riegel, der versteht kein Wort. Das können sie ihm nur im Rahmen einer Zeichnung erklären. Oftmals kann es auch sein, dass dieser Mitarbeiter aufgrund seiner Universität Sprachregelungen oder Wörter hat, die wir nicht kennen. Die kann er uns auch nur in der Zeichnung erklären. Die traditionellen Arbeitsmethoden, von Skizze auf Skizzenpapier und das Darüberlegen und darauf weiterzeichnen, sind unglaublich bedeutsam. Es gibt Projekte, die fast ausschließlich im Computer stattfinden. Zum Beispiel in der Produktentwicklung ist es so, dass sehr weit im Computer gearbeitet wird. Und zwar wirklich nicht erst dann, nachdem man begonnen hat, sich auf eine Variante zu fokussieren. Man arbeitet also dann einen langen Zeitraum mit verschiedenen Varianten. Nicht nur in der Produktentwicklung, auch im Architekturentwurf. Wenn man in der Produktentwicklung begonnen hat, sich auf eine Variante zu fokussieren, wird diese Variante im Modell gebaut. Das ist in diesem Fall dann relativ aufwändig, da auch die entsprechende aufwändige Technik, wie beispielsweise CNC und Frästechnik, zum Einsatz kommen muss. Diese Produkte kann man nicht mehr mit der Hand herstellen. Und anhand dieses ersten Prototyps arbeitet man dann die Detaillierungen aus. Der Computer macht unheimlich viele Dinge möglich, die vorher in dieser Form nicht möglich waren. Er unterstützt und gibt  völlig neue Ansätze. Aber der Computer ersetzt die Skizze und das Modell nicht. Alle Teile unterstützen sich gegenseitig.


Detail: Wird die Umsetzung von 3D-Visualisierungen bei Ihnen vorwiegend im eigenen Haus bearbeitet? Oder werden komplexere Aufgaben, wie bei vielen anderen Architekten auch, extern vergeben? Oder gibt es da ganz andere Wege, auf denen Sie sich bewegen?
Sven Fuchs (Graft): Wir lagern diese Dinge wie, ich glaube, die meisten Büros aus. Wir fangen jetzt damit an, das wirklich auch selber hier im Haus zu machen.


Detail: Warum?
Sven Fuchs (Graft): Weil wir das Gefühl haben, jetzt aufgrund unserer Größe einen so hohen Bedarf zu haben, dass es anfängt, sich zu lohnen. Und weil es aus wirtschaftlichen Gründen möglich wird, einen Mitarbeiter oder mehrere Mitarbeiter zu beschäftigen, die nicht mehr projektbezogen arbeiten müssen. Außerdem wollen wir für uns selbst einen Weg finden, in diesen Visualisierungen auch der Verlockung der Fotografie von etwas, was es noch nicht gibt, zu erliegen, sondern stattdessen eine in erster Linie atmosphärische Darstellung zu schaffen.
Als das Medium noch nicht so fortgeschritten war, wie es das jetzt ist, hat jeder sofort den Unterschied zwischen Foto und Visualisierung erkannt. Da konnte man machen, was man wollte. Wenn man da ein bisschen drauf „rumgemalt“ hat, hat das niemanden gestört. Mittlerweile gibt es aber wirklich Sehgewohnheiten, die fotorealistische Darstellungen abverlangen, und innerhalb dieses Pseudorealismus muss man neue Methoden entwickeln, die Atmosphäre zu transportieren. Wir müssen neue Wege finden im Rahmen dieser sehr genauen Darstellungen eben auch so ungenau wie nötig zu bleiben. Und das ist einer der Gründe, warum wir jetzt anfangen, das auch bei uns selbst in Angriff zu nehmen.


DETAIL: Eine Frage, die mir spontan gekommen ist, wo ich vorhin auf der Suche nach dem Büro nicht die gleich die richtige Tür fand. Eine Haustür weiter ist das Musiklabel K7. Wie weit werden eigentlich Medien eingebunden in der Umsetzung in 3D? Ist das Thema Zusammenspiel zwischen Musik, Sprache, Bewegung auch ein Thema für Sie? Oder geht es wirklich bei 3D-Visualisierungen eher um die klassische, bildhafte Darstellung, in der sich nichts bewegt?
Sven Fuchs (Graft): Thema eines Entwurfes oder gedankliche Bilder, die diesen Entwurf stützen, können unterschiedlichster Herkunft sein. Also das Bild kann genauso gut ein Ton, ein Klang, ein Lied oder eine Melodie sein. Viele architektonische Konzeptionen werden schon seit sehr langer Zeit von Melodien getragen. Das sind keine neuen Ideen, die da einfließen. Es ist aber hier und rund um uns herum so, dass der ganze Standort sich verändert. Wir befinden uns hier mitten in der neuen Großbrache, ehemalige Stadtrandlage. 50 Meter weiter nach Osten war die Mauer. Dadurch ist man jetzt mittendrin und hat die interessante Mischung von einem „Auf-der-grünen-Wiese-steht-ein-Hauptbahnhof“ und einem typischen Standrandgewerbe und Lagergebiet, das jetzt mit den ersten Pflänzchen durchsetzt wird. Hier siedeln sich verschiedene Galerien an, das Spielhaus Morrison, Künstler und andere Architekten. Auch direkt unter uns in diesem Gebäude. Gegenüber entsteht in einer der Lagerhallen ein angeblich totaler In-Club. Auch der „Hamburger Bahnhof“ hat sich mit der Flick-Ausstellung ausgedehnt in dieses Arial. Und so profitieren wir hier natürlich von dem Berliner Motiv der Zwischennutzung, das dieses Gebiet dann wieder interessant machen wird und entwickelt wird. Dafür wurde mittlerweile ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, wovon wir hier natürlich auch profitieren. Wir sind genau dazwischen und genießen dieses Dazwischensein, diesen Fluss zu erleben sehr.


DETAIL: Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und die Fragen, die Sie uns beantworten konnten.



Das Interview führte Tim Westphal.