Interview mit Dirk Schaper, Geschäftsführer HOCHTIEF ViCon GmbH

Dirk Schaper, Hochtief ViCon

Beim Animago-Award 2007, dem „wichtigsten Wettbewerb für Digital Content Creation im deutschsprachigen Raum“, haben Sie in der Kategorie Architektur mit einem Architektur-Animationsfilm teilgenommen. Aus welchem Grund ist dieser Beitrag ursprünglich entstanden?

Ausgangspunkt war die Frage, wie sich ein komplexes Gebäude in Hanglage in einer nur dreiminütigen Präsentation von Außen und Innen darstellen lässt und dabei die Grundprinzipien auch von Nicht-Architekten und -Ingenieuren verstanden werden können. Allein mit zweidimensionalen Mitteln wäre die Darstellung des von Architekt Wolfgang Kergaßner geplanten Büro- und Wohngebäudes an der Stuttgarter Vordernbergstraße weitaus schwieriger gewesen.

Dieses Projekt wird bis 2009 von HOCHTIEF auch gebaut werden. Zu welchem Zeitpunkt ist die Animation erstellt worden – vor oder nach Auftragseingang für HOCHTIEF?

Unser Auftraggeber war HOCHTIEF-Projektentwicklung, die für das Grundstück in der Stuttgarter Innenstadt einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben hatte. Der daraus hervorgegangene Siegerentwurf wurde von uns animiert, um ihn einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen – nicht zuletzt auch, um zukünftige potenzielle Mieter anzusprechen. Animationen entstehen oft aber auch im Zuge von Bewerbungsverfahren von HOCHTIEF Construction um Bauaufträge…

…wie bei Ihrem Film zur Elbphilharmonie der Architekten Herzog & de Meuron in Hamburg, den Sie ebenfalls beim Animago-Award 2007 eingereicht haben? Zu welchem Planungszeitpunkt ist diese Animation entstanden?

Diese Animation entstand für HOCHTIEF Construction vor dem Hintergrund des Wettbewerbs um den Bauauftrag und sollte vor allem aufzeigen, wie wir diese Aufgabe angehen würden, welche Konzeption für den Bauablauf wir entwickelt hatten und wie das Gebäude später aussehen wird. Anfang 2007 erhielt HOCHTIEF den Zuschlag, tritt seitdem als Generalunternehmer für Planungs- und Bauleistungen auf und wird die neue Philharmonie auch nach ihrer Fertigstellung 20 Jahre lang betreiben.

Welches Zielpublikum versuchen Sie in erster Linie mit Ihren Animationen anzusprechen? Geht es da vor allem um oft fachfremde Projektbeteiligte – Auftraggeber, Nutzer, Grundstücksnachbarn – oder dienen diese eher zur technischen Unterstützung der Fachplaner?

Zunächst einmal unterscheiden wir zwei unterschiedliche Arten von Gebäudemodellen. Auf der einen Seite gibt es die „Ingenieurmodelle“. Das sind technisch geprägte 3D- und 4D-Modelle. Unter 4D-Modellen verstehen wir dreidimensionale Modelle, die um die Faktoren Zeit, Kosten sowie andere technische Informationen – auch zu einzelnen Bauteilen – erweitert werden. Immer häufiger werden diese auch zur Angebotspräsentation eingesetzt. Beispielsweise, wenn ein Terminplan mit einem 3D-Modell verlinkt wird, um sichtbar zu machen, wann und wo welche Bauelemente verbaut werden müssen. Auf der anderen Seite gibt es die ästhetischen Animationen, die eher emotionale Aspekte visualisieren.

Entstehen die ästhetischen Animationen dabei unabhängig von den Ingenieurmodellen?

Marketing- bzw. Sales-Modelle, Renderings oder Filme gehen aus dem Ingenieurmodell hervor und werden meist in der Anfangsphase eines Projektes entwickelt – zu einem Zeitpunkt, an dem auch Rohbaumassen und -flächen ermittelt werden. Danach folgen Bemusterungsmodelle, modellbasierte Mengenermittlungen oder TGA-Modelle. Am Ende liegt dann ein Datenmodell des gesamten Gebäudes vor, welches während des Bauablaufs immer weiter verfeinert und schließlich um die Daten aus dem Bereich Facility-Management ergänzt wird. Eine Zielvorstellung von HOCHTIEF ViCon ist es, die technischen Informationen für Endnutzer, Mieter, Investoren oder Facility-Manager leichter verständlich zu machen und damit die fachübergreifende Koordination und Kommunikation zu optimieren. In dieser Hinsicht besteht in Deutschland sicherlich noch Verbesserungspotenzial. So gibt es im Bauwesen aufgrund von Vertragssituationen oder voneinander unabhängiger Projektbeteiligter noch immer zahlreiche Medienbrüche. Und das, obwohl die Wiederverwendung von digitalen Gebäudemodellen – von der Projektentwicklung über den Bau bis hin zum späteren Betrieb – zu den weltweiten Entwicklungen zählt. Nicht zuletzt, weil die zur Verfügung stehenden Technologien längst ausgereift und die entsprechenden Prozesse absolut beherrschbar sind.

Lässt sich umgekehrt nicht doch auch schon ein Trend erkennen, dass aufwändige Animationen – zusätzlich zu real gebauten Modellen, Plänen, Skizzen – vom Markt bereits als selbstverständlich erwartet werden?

Nein. Das ist schon noch etwas Besonderes. Erwartet wird jedoch, aufzuzeigen auf welche Weise Problemstellungen gelöst werden. Animationen erlauben es dabei, in sehr kurzer Zeit sehr viele Informationen, vor allem aber die wichtigsten Zielvorstellungen einer Arbeit zu erläutern. Auf welche Weise diese Lösungen dann präsentiert werden spielt bislang keine Rolle. Jedoch ist zu beobachten, dass prägnante und inhaltlich konzentrierte Animationen – als Ergänzung zu technischen Beschreibungen, Berechnungen und Plänen – allgemein als sehr positiv bewertet werden. Schließlich nimmt der Mensch den Großteil über das Auge wahr.

In welchem Verhältnis steht der relativ hohe finanzielle Aufwand zur Erstellung der Gebäudemodelle zum Ergebnis? Wo gibt es konkrete Einsparungspotentiale?

Natürlich gibt es eine gewisse Investition zu Beginn der Bearbeitung, doch dafür wird später ein enormes Einsparungspotential freigesetzt. Die Einsparungen liegen vor allem in der technischen Koordination und in der verbesserten Zusammenarbeit der Beteiligten. So können Fehler aufgrund von unbeabsichtigten Überschneidungen verschiedener Gewerke erkannt und vermieden werden, lange bevor sie während des Planungs- oder Bauverlaufs sonst bemerkt worden wären. Gemessen an den Verbesserungen des letztendlich entstehenden Gebäudes sind die Aufwände gering. Nutzer oder Auftraggeber vestehen das zukünftie Gebäude viel früher, dadurch werden Änderungen vermieden und Zeit und Kosten gespart. Und: Wir haben im Jahr 2007, dem Gründungsjahr der HOCHTIEF ViCon GmbH, allein 100 Bauwerke animiert und es gibt nach wie vor eine große Nachfrage – auch von externen Architekturbüros, Nachunternehmern, Planern oder Investoren.