Im Zentrum der Ausstellung steht das Gemeindezentrum Ludesch: Der 2005 in dem Vorarlberger 3.000-Seelen-Dorf unter intensiver Beteiligung der Gemeinde errichtete Bau wurde im Rahmen des staatlichen Förderprogramms „Haus der Zukunft“ des Österreichischen Bundesministeriums für Verkehr, Innovationen und Technologie gefördert und gilt europaweit als beispielhaft im Hinblick auf interdisziplinäre Projektentwicklung, energetische, baubiologische und ökologische Kriterien.
Dass Hermann Kaufmann etwas mit Holzbau zu tun haben muss, springt dem Besucher der Ausstellung sofort beim Betreten der Galerie in alle Sinne: Die Räume riechen nach frisch geschlagenem Holz, die Stufen sind mit sägerauen Brettern aus Weißtanne verschalt, die vorletzte ist zu einem wandfüllenden Podest verbreitert.
An der Hofseite des ersten Ausstellungsraums hängen drei wandhohe Pläne auf Transparentpapier, die wirken, als seien sie noch mit Tusche gezeichnet – ein Fassadenschnitt, eine Axonometrie und drei übereinander angeordnete Grundrisse; die Zwischenräume sind mit vertikalen Lamellen aus Weißtanne verkleidet. In der Raummitte beherrscht ein 1:1-Modell eines Fassadenaufbaus die Galerie: Verschalung aus Nut-und-Feder-Brettern, Dämmung aus Zellulose und Schafwolle, Drei-Scheiben-Wärmeschutzverglasung, kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung.
Er gehört wie die mit einem Dutzend großformatiger Farbfotografien illustrierte Werkdokumentation an der gegenüberliegenden Wand zu Hermann Kaufmanns derzeitigem Referenzprojekt, dem auf Ansuchen der Gemeinde im Rahmen des staatlichen Förderprogramms „Haus der Zukunft“ geförderten Gemeindezentrum Ludesch. Ziel war erstens die Schaffung eines Ortszentrums mit öffentlichen Nutzungen als ökologisches Musterprojekt – im Rahmen eines überschaubaren finanziellen Mehraufwands und unter intensiver Einbindung der Gemeinde in den Planungs- und Bauprozess. Zweitens, Kriterien wie Energieeffizienz, Verwendung erneuerbarer Energieträger und nachwachsender Rohstoffe zu dokumentieren, zu propagieren und zu quantifizieren, um zu belastbaren Vergleichswerten gegenüber konventionellen Bauwerken zu gelangen.

Ausgangspunkt für die Konzeption des Gemeindezentrums Ludesch war es, den Bewohnern einen lebendigen und zentralen Ort der Kommunikation zur Verfügung zu stellen. Da in Ludesch Kirche, Schule und Gemeindeamt in loser Beziehung zueinander situiert sind, fehlt ein historisch gewachsener Dorfplatz. Diese Lücke füllt das neue Gemeindezentrum, das die ortsräumliche Situation neu interpretiert und den Abschluss der darauf zulaufenden Dorfstraße bildet: Die drei größenmaßstäblich im Kontext zur kleinteiligen Dorfstruktur entwickelten Baukörper sind eng aneinander gerückt und bilden einen klar definierten Außenraum. Zwischen den Bauteilen bieten schmale Gassen, mehrere Eingänge und Treppenhäuser differenzierte Wegführungen in und durch das Gemeindezentrum, in dem neben Gemeindesaal, Bücherei und Gemeindeamt auch ein Café, ein Postamt, zwei Ladengeschäfte, Kinderbetreuungseinrichtungen, Büros sowie Proberäume für den Chor und die Musikkapelle untergebracht sind.
Basis für die ökologischen Aspekte des Baus bildete der Passivhaus-Bauteilkatalog des Österreichischen Instituts für Baubiologie und -ökologie (IBO), der sowohl ökologische wie biologische Kenngrößen berücksichtigt und unterschiedliche Konstruktionsweisen unter bauphysikalischen Aspekten über den gesamten Lebenszyklus analysiert: Von den Rohstoffen über ihre Verarbeitung und Instandhaltung bis hin zum Rückbau und der Entsorgung.
Zum Schutz der naturbelassenen Holzfassaden und -fenster sind beide Deckenebenen mit einem Vordach versehen, die eine lange Lebensdauer und kontrollierte Alterung ohne chemischen Holzschutz garantieren. Die durchgängige Verwendung von unbehandelter Weißtanne – einzig die Fußböden sind in geölter Eiche ausgeführt – schafft ein homogenes, optisch, akustisch und taktil angenehmes Raumgefühl. Das Gemeindezentrum ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, auch die Herstellungsenergie eines Bauwerks zu betrachten: Das Konstruktions- und Fassadenholz kam komplett von der örtlichen Agrargemeinschaft, die Vorfertigung erfolgte bei zwei ortsansässigen Firmen.
Durch geschickte Materialwahl gelang es in Ludesch, die „graue Energie“ auf ein Viertel derjenigen von konventionellen Bauten zu reduzieren – einzelne Kennwerte wie die Versäuerung (kg SO2/m2 BGF) und der Primärenergieeinsatz (KWh/m2 BGF) liegen um bis zu 75 Prozent unter dem Passivhausstandard. Dabei betrugen die Mehrkosten gegenüber einer „herkömmlichen“ Ausführung der ausgeschriebenen Gewerke bei lediglich 1,9 Prozent.
Arrondiert wird „Wood Works“ durch eine Serie von Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Nikolaus Walter, dessen Portraits von „Usern“ im Alltag neben der Bandbreite von Hermann Kaufmanns Œuvre – das Spektrum der Bauaufgaben reicht vom Kuhstall über den Supermarkt bis hin zum Wohnbau – vor allem die Selbstverständlichkeit im Umgang mit seinen Bauten dokumentieren.
Bauherr: Gemeinde Ludesch Immobilienverwaltungs GmbH & Co KEG
Fertigstellung: 2005
Projektleitung: DI Roland Wehinger
Planung: DI Martin Längle
Tragwerksplanung Massivbau: Mader & Flatz Ziviltechniker GmbH, Bregenz
Tragwerksplanung Holzbau: merz kaufmann partner, Dornbirn
HLS Planung: Synergy GmbH, Dornbirn
Elektroplanung: DI Wilhelm Brugger, Thüringen
Kostenplanung: Bmst. Ing Norbert Kaufmann
Tragwerksplanung: Zementol Vertriebsges. mbH, Dornbirn
Fotos: Bruno Klomfar, Wien
Auszeichnungen:
Balthasar Neumann Preis (Anerkennung)
Holzbaupreis Vorarlberg (Öffentlicher Bau)
Österreichischer Solarpreis
Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit - BM für Land und Forstwirtschaft
Architekturgalerie München, Türkenstraße 30, 80333 München,
www.architekturgalerie-muenchen.de. Mo – Mi 9.30 – 19.00, Do – Fr 9.30 – 19.30, Sa 9.30 – 18.00 Uhr, bis 16. Januar. Der Katalog zur Ausstellung ist im Springer Verlag, Wien New York (EUR 59,95 ISBN 978-3-211-79175-2) erschienen.
Autor: Jochen Paul