Wolfgang Tiefensee im Interview

»Energieeffizienz fängt beim Einzelnen an« – Plädoyer für nachhaltiges Bauen

Detail: Herr Tiefensee, Sie rühren derzeit kräftig die Werbetrommel für das CO2-Sanierungsprogramm. Lässt sich mit Dämmmaterial der Klimawandel wirksam bekämpfen?

Tiefensee: Rund ein Fünftel des gesamtenCO2-Ausstoßes entsteht in unseren Gebäuden. Deshalb sollten wir den Klimawandel auch im Gebäudebereich bekämpfen. Tatsächlichträgt die Art und Weise, wie wir bislang wohnen, erheblich zur CO2-Bilanz bei. Wegen schlecht isolierter Fenster und veralteter Heizungsanlagen gelangt unnötig viel Kohlendioxid in die Atmosphäre. Und das ist allein die Technik, da haben wir die Möglichkeiten guter architektonischer Planung noch gar nicht einbezogen. Die Einsparpotenziale sind enorm. Wenn wir beim Klimawandel auf die Bremse treten wollen – und das müssen wir –, sollten wir daher bei unseren Wohngebäuden anfangen.

Detail: Letzten Endes müssen die Hauseigentümer den Klimaschutz bezahlen?

Tiefensee: Anfangsinvestitionen sind nötig. Aber sie rechnen sich. Wer saniert, spart Heizkosten. Mein Rat lautet: Kein Geld verheizen. Bei einer topsanierten Wohnung von 83 Quadratmetern macht das pro Jahr 500 Euro Ersparnis an Heizkosten. Durch energetische Gebäudesanierung lassen sich so in Deutschland bis 2020 insgesamt 40 Milliarden Euro an Heizkosten sparen. Zudem greifen wir denjenigen, die ihre Immobilie klimafreundlicher machen wollen, unter die Arme. Dazu haben wir das CO2-Gebäudesanierungsprogramm aufgelegt. In Kooperation mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau bieten wir verbilligte Kredite und Zuschüsse für Gebäudesanierungen an. 1,5 Milliarden Euro haben wir dafür allein im vergangenen Jahr bereitgestellt. Davon wurden 265 000 Wohnungen saniert, wodurch wir die CO2- Emissionen schon um fast eine Million Tonnen senken konnten.

Detail: Nun hat das Errichten und Betreiben von Gebäuden insgesamt erhebliche Auswirkungen auf Stoff- und Energiekreisläufe. Architekten tragen also eine besondere Verantwortung für den Klimaschutz. Stärkt die Bundesregierung Architekten, die dieser Verantwortung mit intelligenten Planungen gerecht werden, den Rücken?

Tiefensee: Eines der zentralen Planungsinstrumente im Energiebereich ist die Energieeinsparverordnung. Die so genannte EnEV lenkt über einen ganzheitlichen Ansatz die Gebäudeplanung in Richtung energetisch optimierte Gebäude und steckt für die Architekten verlässlich und eindeutig den rechtlichen Planungsrahmen ab. Die EnEV ist insofern auch eine gute Argumentationshilfe gegenüber den Bauherren. Darüber hinaus gibt es Planungshilfen – der für Bundesbauten 2001 eingeführte »Leitfaden nachhaltiges Bauen« findet zum Beispielseit langem internationale Beachtung –, Modellvorhaben sowie Konferenzen. Und die von uns gegründete Deutsche Energie- Agentur hat das energieeffiziente Bauen als Arbeitsschwerpunkt. Auf diese Weise werden  wissenschaftliche Informationen und Erfahrungenaus der Praxis zur Unterstützung für die Planung von hocheffizienten Gebäuden weitergegeben.

Detail: Bauherren kennen die möglichen Spareffekte energieeffizienter Bauweise oder San ierung oft nicht. Kann die Politik durch Aufklärung helfen, die Nachfrage nach energieeffizienten Gebäuden zu steigern?

Tiefensee: Ich glaube, Information ist ein ganz wesentlicher Baustein. Natürlich muss es gesetzliche Vorschriften geben, die gewisse Standards verlässlich festschreiben. Aber gerade beim eigenen Haus muss man abstrakte Regeln und gesetzliche Verpflichtungen auch überschaubar halten. Da setzen wir auf die Vernunft und Selbständigkeit der Verbraucher, das heißt von Bauherren, Vermietern und Mietern. Insofern ist Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Voraussetzung, Akzeptanz und Nachfrage für energieeffizientes Bauen zu schaffen. Die Bundesregierung ist sehr aktiv in dem Bereich. Wir haben gerade eine bundesweite Kampagne gestartet, die das Ziel hat, den Menschen die individuellen Vorteile vor Augen zu führen und gleichzeitig etwas für Klimaschutz und Arbeitsplätze zu tun. Darum der übergreifende Slogan »Heute die Energie für morgen sichern«. Dabei geht es insbesondere um die Eigentümer kleiner Einfamilienhäuser, denn insbesondere die größeren öffentlichen Wohnungsunternehmen haben oftmals schon erkannt, dass energieeffiziente Gebäude besser vermietbar sind. Ich habe es eingangs gesagt: Klar kostet Sanierung erst einmal, aber schon auf der mittleren Strecke spart man nicht nur CO2, sondern auch Geld. Im Übrigen werden die für den 1. Januar 2008 geplanten Energieausweise für bestehende Gebäude noch einmal für mehr Information und damit mehr Transparenz auf dem Immobilienmarkt sorgen.

Detail: Wie weit sollte die Verbesserung der Neubaustandards gehen? Sollte das Passivhaus langfristig Standard werden?

Tiefensee: Langfristig betrachtet wäre das ideale Haus tatsächlich ein Haus mit niedrigstem, besser noch mit gegen Null tendierendem Heizenergiebedarf. So etwas gibt es ja vereinzelt schon. Insofern ist es gar nicht mal mehr eine Vision. Ich würde mir aber wünschen, dass wir das in noch größerer Zahl hinbekommen. Wir wollen das in Europa durchaus als langfristiges Ziel anstreben, da wir wissen, dass wir auch von den hierfür erforderlichen neuen Technologien profitieren, Stichwort »Grüne Märkte«. Deswegen stärken wir auch die Forschung in diesem Bereich. Natürlich ist dieser hohe Standard heute noch nicht wirtschaftlich erreichbar. Wir werden aber Schritt für Schritt in Deutschland die energetische Qualität unserer Gebäude verbessern, unter anderem auch mit der Anhebung des Anforderungsniveaus der Energieeinsparverordnung. Da sitzen wir gerade dran. Das ist nach der Einführung des Energieausweises der nächste Schritt.

Detail: Das größte Einsparpotenzial liegt inzwischen in der energetischen Sanierung. Dies birgt immer auch die Chance einer nachhaltigen architektonischen Verbesserung. Wäre es nicht sinnvoll, wenn grundsätzlich ein Architekt beteiligt wäre?

Tiefensee: Auch wenn in den Altbauten zweifellos ein großes Energiesparpotenzial liegt, kann allein die energetische Verbesserung bestehender Gebäude natürlich nicht unser Ziel sein. Wir müssen die Chance nutzen, im Rahmen der energetischen Sanierung auch die sonstigen Eigenschaften der Gebäude und der Außenanlagen zu optimieren, um das angestrebte Ziel einer Wohnwertverbesserung zu erreichen. Bei den Modellvorhaben »Niedrigenergiehaus im Bestand« haben wir bereits erfolgreich gezeigt, wie das gehen kann – gemeinsam mit Architekten und Wohnungsunternehmen. Gerade bei Teilsanierungen wäre in vielen Fällen die zwingende Beteiligung eines Architekten aber wohl wenig zielführend. Beim Austausch der Fenster, der Erneuerung der Heizungsanlage oder bei der Dämmung von Dach oder Kellerdecke brauchen Sie in der Regel keinen Architekten. Das würde vermutlich die Zugangsschwelle zu solchen Maßnahmen eher erhöhen. Gleichwohl müssen aber natürlich die Fachleute und Sachverständigen aller Disziplinen frühzeitig beteiligt werden. Bei fast 50 % der im CO2-Gebäudesanierungsprogramm geförderten Maßnahmen ist die Beteiligung eines Sachverständigen vorgeschrieben. Sachverständige sind nach den Förderbestimmungen unter anderem Bauvorlageberechtigte, zu denen auch die Architekten gehören. Und auch bei der Ausstellung von Energieausweisen im Bestand werden die Architekten ab kommendem Jahr eine wichtige Rolle spielen.

Detail: Ausländische Architekten blicken inzwischen mit Bewunderung auf die Beispiele  energieeffizienten Bauens im deutschsprachigenRaum. Durch die jüngste Entwicklung ist auch das Interesse in den USA neu erwacht. Wie kann Deutschland hier eine Vorreiterrolle einnehmen und ausbauen?

Tiefensee: Wir sind im Bereich der Gebäudeenergieeffizienz sehr gut aufgestellt. Das ist auch der Grund, warum unsere Ingenieur-, Bau- und Handwerksleistung weltweit stark gefragt ist. Nachhaltiges Bauen ist ein Markenzeichen deutscher Architekten und Planer. Darauf darf man sich allerdings nicht ausruhen. Wenn in China bereits Null-Emissions- Städte gebaut werden, sehen wir, dass die Weltgemeinschaft die Zeichen der Zukunft erkannt hat. Wir müssen dran bleiben. Zum einen liegen darin enorme ökonomische Chancen. Meiner Einschätzung nach wird sich dieser Markt weltweit in den kommenden Jahren sehr dynamisch entwickeln. Zum anderen gebietet es unsere Verantwortung für unsere Umwelt und für die nachfolgenden Generationen, dass wir unseren Energieverbrauch reduzieren. Auch auf Regierungsebene tauschen wir unsere Erfahrungen mit den anderen Staaten international aus und können so voneinander lernen. Wir führen diesen Dialog auch im Rahmen unserer EU/G8-Präsidentschaft. Erst kürzlich haben wir eine große Energieeffizienzkonferenz veranstaltet. Dabei hat sich gezeigt, dass wir weltweit vorne stehen, uns aber weiter anstrengen müssen, um diesen Platz zu halten. Gerade mit Blick auf die damit verbundenen ökonomischen Potenziale sind weitere Anstrengungen erforderlich, zum Beispiel eine starke Forschung für Energiefragen im Bauwesen.

Detail: Klimaschutz erfordert ganzheitliche Betrachtung. Gibt es Strategien der Bundesregierung bezüglich Zersiedelungsvermeidung oder zu städtebaulichen Vorgaben, die eine Solarenergienutzung erleichtern?

Tiefensee: Flächendeckende Sonnenkollektorfelder sind zumindest ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, auch wenn man weiß, dass sie uns enorm helfen. Wir haben uns generell zum Ziel gesetzt, der Zersiedelung wirksam zu begegnen. Bis 2020 wollen wir die zusätzliche Flächeninanspruchnahme deutlich reduzieren. Hier sind die zuständigen Planungsinstanzen der Länder und Gemeinden aufgefordert, mit intelligenten Strategien zu arbeiten. Ich unterstütze das intensiv. Wir haben gerade aktuell ein Forschungsvorhaben in Auftrag gegeben, das sich mit den Potenzialen innerstädtischer Freiflächen für die Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere Solarenergie und Photovoltaik, befasst und somit auch Zersiedelungen vermeidet. Darüber hinaus eignet sich die Solarenergie gerade für eine dezentrale, verbrauchernahe Versorgung z. B. auf einem Gebäude und benötigt dann keine zusätzliche Fläche. Hierfür gibt es in der ganzen Republik schon gute Beispiele. Und mit den bundesweit erfolgreichen Bürgersolaranlagen in zahlreichen Kommunen hat das noch einmal eine neue Qualität erreicht. Energieeffizienz fängt bei jedem Einzelnen an. Ich glaube, dass große Potenziale bei der nachhaltigen Energieerzeugung und der Energieeinsparung im Dezentralen liegen. Wenn die Bürger mit ihren Kommunen und in ihren Regionen an einem Strang ziehen, können wir uns mit moderner ökologischer Technologie und innovativen Konzepten manches Atomkraftwerk sparen.

 

Das Gespräch mit Wolfgang Tiefensee führte Andreas Gabriel

 

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