Auch wenn Bürogebäude einen noch so guten Heizwärmebedarfswert aufweisen, macht sie das noch lange nicht zum großen Wurf in der Architektur. Ganz im Gegenteil: Heizen war im Office-Bereich noch nie das Problem. Menschen und Computer liefern auf engstem Raum oft so viel Wärme, dass nicht mehr viel getan werden muss, um ein behagliches Arbeitsklima zu erreichen. Die Herausforderung liegt in der sommerlichen Kühlung, im Lichtenergiebedarf und in der richtigen Lüftung. In Wien steht nun mit der »Energy-Base« ein Vorzeigeprojekt, das den Weg in die Zukunft ebnen soll.
Begonnen hatte alles im Januar 2003 mit dem harmlos klingenden Forschungsprojekt »sunny research«. Ursula Schneider und Fritz Oettl vom Wiener Büro »pos architekten « wurden vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) beauftragt, ein nachhaltiges Gebäudekonzept zu entwickeln. »Die Grundidee für diese Studie war die Überlegung: Wie würden wir morgen bauen, wenn sich die Energiepreise über Nacht verdoppeln?«, erzählt Gregor Rauhs vom WWFF. »Vor einigen Jahren war das noch ein Horrorszenario, heute sehen wir dieser Gefahr unmittelbar ins Auge.« Aus der unkonventionellen Studie, die nicht nur alle haustechnischen sondern auch die ästhetischen Paradigmen über den Haufen warf, wurden bald darauf erste konkrete Pläne entwickelt. Im Juni 2007 schließlich war der Spatenstich. 15 Monate und 12,6 Mio. Euro später wurde die Energy-Base im Norden Wiens eröffnet.
Auffälligstes Merkmal des Hauses ist die gezackte Fassade an der Südseite. Neigungswinkel und Ausladung sind exakt berechnet. Als Grundlage dienten Sonnenstände zu den unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Die flache Wintersonne fällt ungehindert in den Raum. Im Sommer jedoch, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird ihre Energie anderweitig genutzt: die Strahlung trifft direkt auf die gebäudeintegrierte Photovoltaik- Anlage, die sich jeweils an der Oberseite der Zacken befindet und die gleichzeitig der Verschattung der Fenster dient. Die 400 m² große PV-Fläche, verteilt auf drei Geschosse, liefert rund 37 000 kWh Strom pro Jahr. 300 m² thermische Kollektoren dienen der solaren Kühlung und der Einbindung der Heizung. »Den Neigungswinkel der Gläser und der Sonnenkollektor-Flächen haben wir exakt berechnet«, sagt Konsulentin Anita Preisler von »arsenal research«. So ist es auch kein Zufall, dass die Fensterflächen nach außen geneigt sind, anstatt vertikal in der Fassade zu stehen: »Wenn die Sonne zu den Tagesrandzeiten tiefer steht, ist die Verschattung nicht mehr flächendeckend. Durch die Neigung ist der Einfallswinkel jedoch so flach, dass ein Teil der Strahlung reflektiert wird und gar nicht erst in den Raum dringt.« Das käme nicht nur der Temperatur in den Innenräumen zugute, sondern auch der tatsächlich nutzbaren Mietfläche. Schneider: »Kein Mensch bedenkt, dass im Sommer ein Teil der herkömmlichen Büros mit reiner Sonnenschutzverglasung schlichtweg nicht nutzbar ist. Ohne außen liegenden Sonnenschutz kann man in solchen Büros im unmittelbaren Bereich der Fassade einfach nicht komfortabel arbeiten.«
Endenergieverbrauch:
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Die Anordnung der Räumlichkeiten orientiert sich an der Gebäudegeometrie und dem damit verbundenen Gewinn an Tageslicht und solaren Wärmeeinträgen. An der Nordseite wurden kleinere Einheiten sowie Zellenbüros geplant. Die kompakte Größe soll es ermöglichen, die Räume an der kühlen Gebäudeseite individuell thermisch zu steuern. An der Südfassade hingegen befinden sich ausschließlich Großraumbüros, in denen die Wärme zirkulieren und das Licht bis tief in die Gebäudemitte dringen kann. Teeküchen, Sanitäreinheiten und andere Nebenräume sind mit Oberlichtern und teilweise sogar mit Ganzglas-Trennwänden versehen und sollen auf diese Weise unnötige künstliche Beleuchtung vermeiden. Erhöht wird die Effizienz der Beleuchtung zusätzlich durch eine tageslichtabhängige Steuerung im ganzen Haus. »Es war uns ein großes Anliegen zu zeigen, dass ein Passivhaus nicht zwangsweise mit kleinen Fensterlöchern in der Wand verbunden werden muss.«, sagt Fritz Oettl. Der gesamte vermietbare Geschossbereich ist natürlich belichtet. Der Auftraggeber weiß diesen Bonus zu schätzen: »Ich erinnere mich an eine gemeinsame Begehung kurz vor Fertigstellung. Die Tageslichtqualität in allen Räumen war das, was den Bauherrn augenscheinlich am meisten beeindruckt hat.« Sein Empfinden untermauern auch die Zahlen: die Beleuchtungsenergie in der Energy-Base konnte gegenüber einem herkömmlichen Bürogebäude um 65 % verringert werden.
Lüftung und Luftbefeuchtung wurden ebenfalls besonderes Augenmerk geschenkt: wie Versatzstücke aus einem Science-Fiction- Film der 1990er Jahre sind in regelmäßigen Abständen bepflanzte Glasboxen entlang der Fassade angeordnet. Die futuristischen »High-Tech«-Wintergärten sind nicht nur Raumschmuck, sondern in erster Linie eine klimatische Maßnahme. »Die Pflanzen-Pufferräume waren für den Bauherrn eine große Hürde. Doch letztendlich hat er sich getraut. «, erinnert sich Schneider.
Insgesamt 500 Stück einer speziellen Zyperngras- Spezies versorgen die Mitarbeiter mit der nötigen Luftfeuchtigkeit. Ganz ohne künstliche Luftbefeuchtungsanlage. »Es ist weltweit das erste Mal, dass wir mit Pflanzen eine stundenweise prognostizierte Befeuchtungsleistung erbringen können«, erklärt die Architektin. »Jede einzelne Pflanze ist Teil des Haustechnikkonzepts.« Unsichtbar für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Über Lüftungsschächte sind die grünen »Gebäude- Lungen« von Stockwerk zu Stockwerk miteinander verbunden. Lüftungsklappen regeln automatisch, wohin die befeuchtete Luft je nach Bedarf strömt – während die Gräser weiter wachsen und gedeihen. Die Energy-Base ist ein Wegbereiter für die Zukunft des Bauens. Sie ist weit mehr als nur ein energie- und ressourcenschonendes Bürohaus im Passivhausstandard. »So ein Projekt lässt sich nur realisieren, wenn alle an einem Strang ziehen und Architektur-, Bauphysik- und Haustechnikkonzept aus einer Hand kommen«, so Ursula Schneider.
Solche und noch viele weitere technische Lösungen im Hintergrund senken die Energiekosten auf ein Minimum. Schwarz auf Weiß heißt das für Projektentwickler und Investor: zahlt man in einem konventionell geplanten, durchschnittlichen Bürohaus weit mehr als 10 €/m2 pro Jahr Energiekosten, um es im Winter warm und im Sommer kühl zu haben, spart die Energy-Base im Vergleich dazu 80 % der Kos ten ein. Die jährlichen Energiekosten belaufen sich hier auf 2 €/m2 – inklusive Warmwasseraufbereitung, Kühlung und Beleuchtung. Die Bau-kosten liegen mit 1 300 €/m2 Nutzfläche laut österreichischem Baukostenindex für Bürogebäude in diesem Ausstattungsstandard im guten Mittelbereich. Einer Fortführung des Office 2.0 für weitere Projekte steht so gesehen nichts mehr im Weg.
weitere Informationen unter
www.pos-architecture.com
Wojciech Czaja
