Noch nicht allzu lange gelten die Dächer mitteleuropäischer Großstädte als idyllisches Refugium, als erstrebenswertes Domizil mit dem Flair des weiten Horizonts. Die steigenden Immobilienpreise in vielen Metropolen und der zunehmende Wunsch nach einem urbanen Lebensstil ganz im Sinne Ludwig Hilbersheimers Idee der vertikalen Stadt – oben wohnen, unten arbeiten – rücken diese Millionen ungenutzter Quadratmeter immer mehr in den Mittelpunkt.
Die Nachverdichtung leerer oder wenig genutzter Dachflächen ist neben technischen und rechtlichen Aspekten auch eine gestalterische Fragestellung. Nicht immer ist die möglichst unauffällige einheitliche Erweiterung die beste Lösung. An städtebaulich relevanten Standorten und für entsprechende Nutzungen kann eine Akzentuierung durch spektakuläre unkonventionelle Dachaufbauten durchaus identitätsstiftend und stimulierend für die Entwicklung eines ganzen Quartiers werden.

In vielen Ländern sind die Dachflächen auch heute noch Orte unkontrollierten Wachstums, der Illegalität und Anarchie. Auf den Dächern der Millionenstadt Kairo ist im Laufe der Jahre aus einzelnen Hausmeisterwohnungen durch den Zuzug von immer mehr Verwandten aus armen Landgemeinden eine Stadt über der Stadt entstanden. In selbst gebastelten Hütten und ohne Mietvertrag sind die geduldeten Bewohner zwar Sonne, Regen und der Willkür der Hausbesitzer ausgesetzt, aber mit vergleichsweiser guter Luft versorgt und sicher vor Überfällen. Solche Spontanarchitekturen haben, bei aller sozialer Härte, ihren eigenen ästhetischen Reiz – besonders durch den starken Kontrast zu den Fassaden der Jugendstilhäuser, auf denen sie erbaut sind.
Das Recht auf ein Wolkenkuckucksheim auch für sozial benachteiligte Schichten hat das office for subversive architecture mit seiner Kunstinstallation »Intact« eingefordert. Auf einem aufgelassenen Bahngelände im armen Londoner Osten, das in ein Wohngebiet konvertiert werden soll, transformierten sie ein verrottendes auf Stützen stehendes Stellwerkshäuschen zum dreidimensionalen Bild eines Traumhauses, indem sie die Attribute der teuren Häuser des Londoner Westens applizierten: weiße Wandfarbe, schwarzer Lack für Türen und Fenster, künstliche Geranien sowie einen Kunstrasen für den Balkon. Obwohl das Miniaturhäuschen ohne Leiter unzugänglich und für Wohnzwecke zu klein ist, ließ das Ergebnis der unautorisierten Aktion nicht lange auf sich warten. Vier Tage nach der »Renovierung « war die Installation – vermutlich von den Grundstückseigentümern – zerstört worden.

Bereits im 16. Jahrhundert setzte die Gesetzgebung der Ausdehnung nutzbarer Flächen in die Vertikale Grenzen, indem die Grundsteuer nach der Anzahl der Vollgeschosse erhoben wurde. Pierre Lescot, der Architekt des Louvre, soll es gewesen sein, der einen neuen Dachtypus erfand, um ein steuerfreies weiteres Geschoss zu ermöglichen. Die Blechverkleidung zieht sich dabei über nur unwesentlich nach innen geneigte Wände, macht einen Knick und wird zum fast ebenen Dach. Erst hundert Jahre später wurde dieser Typus durch die Pariser Prunkbauten des Architekten François Mansart und seines Großneffen Jules Hardouin-Mansart populär und nach ihnen Mansarde genannt. Zur damaligen Zeit waren Mansarden minderwertige Wohnräume, eher Verschläge für Dienstboten und Kinder von Arbeiterfamilien als Räume. In den verelenden Großstädten der Weimarer Republik wurde der Begriff Mansarde endgültig zum Synonym für schäbiges Arme-Leute- Wohnen. Andererseits galt die Mansarde auch als ein Freiraum für Künstler – von Carl Spitzwegs »armem Poeten« bis zu den Malern und Bildhauern, die unter den nach Norden ausgerichteten Atelierfenstern ideale Lichtverhältnisse und die nötige Ungestörtheit zum Arbeiten fanden. Städtebaulich bietet das Mansarddach bei all den unkontrollierbaren Verhältnissen hinter der Fassade zumindest in der äußeren Erscheinung ein Maximum an Uniformität, das damals die monarchistischen Herrscher begeisterte und heute noch Städten wie Paris ihre einzigartige Kraft und Unverwechselbarkeit verleiht.
Heute zählen Mansarden zu den begehrtesten Wohnungen dicht bebauter Innenstädte – für die einen als Inbegriff gut situierten Bürgertums mit gediegener Kupfer- oder Schieferdeckung, für andere als trendige Wohnform mit technoid glänzender Aluminiumhaut oder auffallend greller Farbgebung. Durch die Ergänzung einer heiß begehrten Dachterrasse, hochwertiger Wärmedämmung und großflächigen Verglasungen kann neuer Wohnraum zu Spitzenpreisen generiert werden. So nimmt es nicht Wunder, dass besonders in denkmalgeschützten Altstädten Dächer dieses Typs eine Renaissance erfahren. Ein für Wien markantes Beispiel sind die zwölf Luxusapartments auf einem Ringstraßenpalais zwischen Staatsoper und Burggarten. Unter dem Titel »Wohnen im Zentrum von Wien« haben silberpfeil-architekten das ungenutzte flach geneigte Ziegeldach durch einen Blech verkleideten Dachaufbau mit fünf verglasten Kuppeln ersetzt. Entstanden sind offene, helle zwei- bis dreigeschossige Wohnungen zwischen 50 m2 und 480 m2 mit jeweils zwei Dachterrassen, die Verkaufspreise von bis zu 8500 €/m2 erzielten. Der große Erfolg führte zu einem vermehrten Boom an Dachgeschossausbauten in Wien und einer toleranteren Auslegung der Gestaltungsvorschriften durch die Genehmigungsbehörden. Für die Nutzung von Flachdächern in weniger prominenten Lagen werden auf dem Prinzip der Mansarde zurzeit in Dänemark komplette Bausysteme entwickelt: aufsetzbare vorgefertigte Raumzellen mit Kniestock und 45° Satteldach bei offenem Dachraum. Zum Niedrigenergiestandard gehören neben hoher Wärmedämmung eine Photovoltaikanlage, Solarthermiemodule für Warmwasser, kontrollierte Zuluftvorwärmung über eine Doppeldachkonstruktion und eine Wärmepumpe mit Wärmerückgewinnung.

Viele Architekten versuchen bei nachträglichen Dachaufbauten an diesen Grenzstandorten auch gestalterische Grenzen auszuloten. Das Bedürfnis, sich oberhalb der gesellschaftlichen Sichtlinie den Konventionen zu entziehen, drückt sich in Experimenten aus, die vereinzelt neue Architekturströmungen prägen, meist aber aktuellen Moden folgen. War der Dachaufbau für eine Rechtsanwaltskanzlei von Coop Himmelb(l)au, dessen Baugenehmigung sich über mehrere Jahre hinzog, als dekonstruktivistisches Manifest konzipiert, das mit auskragenden Stahlträgern eine Auseinandersetzung mit der Stadt provozieren wollte, so folgten in den 90er-Jahren zurückhaltende Kuben oder gerundete Blobs, die sich als Kokon ihrer Bewohner von der Gesellschaft abschotten. Der Wandel vom ortsgebundenen Unikat zum als Prototyp verstandenen Objekt zeigt sich in den Namen dieser Gebilde: Ray 1, G 40, ko 51, M 90, Loftcube oder Symbiont. Wird hier Architektur zum Design?
Verführerisch ist die Vorstellung vom Wohnen über den Dächern. Noch verführerischer ist die Möglichkeit, sein Domizil beim Wohnungswechsel einfach mit dem Helikopter mitzunehmen und auf einem anderen Dach abzusetzen. Der Loftcube des Berliner Designers Werner Aisslinger ist eine mobile Wohneinheit, die inzwischen Serienreife erreicht hat und auf dem Markt erhältlich ist. Da in vielen Ländern Überflugsrechte für Helikopter mit Ladung über bewohntem Gebiet nicht erteilt werden, wird das modulare System in vorgefertigten Einheiten am Boden zusammengesetzt, auf Lastverteilungsträger aus Stahl montiert und mit dem Kran auf das Dach gehievt. Bis zum Sommer 2007 werden die zwei ersten Referenzobjekte permanent installiert sein: in Bristol als unabhängige Wohnungen auf der landschaftlich gestalteten Dachfläche eines Loft-Apartmenthauses und in Graz auf einem Designerhotel als vertikale Erweiterung eines Hotelzimmers mit innenliegender Treppe.

Um den Traum von der Freiheit über den Dächern wenigstens für kurze Zeit zu ermöglichen, entwickelte das Schweizer Künstlerpaar L/B Burgdorf ein temporäres Einzimmerhotel unter dem Label »Hotel Everland«. Die mobile blaugrüne Raumkapsel im Retrodesign der 70er-Jahre ist an jedem Standort Teil eines anderen übergeordneten Ausstellungskonzepts. Tagsüber steht sie Besuchern zur Besichtigung offen, für den Abend kann sie – zu 222 Euro für jeweils nur eine Nacht – per Internet gebucht werden. Das Einzimmerhotel für zwei Personen bietet ein exklusives Erlebnis: Eine Concierge sorgt sich um das Wohl der Gäste, das Frühstück wird auf das Zimmer geliefert, die Minibar ist im Preis inbegriffen und die bestickten Handtücher dürfen geklaut werden. Zur Ausstattung gehört eine stilvolle Plattensammlung mit Plattenspieler, i-Pod-Anschluss und Wlan für kostenloses Surfen im Internet. Bisherige Stationen waren die Arteplage in Yverdon 2002, das Dach der Künst lerateliers in Burgdorf und 2005 für ein Jahr lang das Dach der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig; folgen wird 2007 das Palais de Tokyo in Paris mit Blick auf den Eiffelturm.
Einen Gegenentwurf zur dieser rundumversorgten medial vernetzten Künstlichkeit liefert Atelier van Lieshout mit seiner Installation »Fishermans House«, die 2004 im Rahmen der Ausstellung Extreme Houses in Leipzig auf dem Dach der ehemaligen Baumwollspinnerei zu sehen war. Die schlichte Holzhütte mit Feuerstelle und Kamin verdeutlicht die Sehnsucht nach den Ursprüngen der Zivilisation und der Unabhängigkeit des Selbstversorgers. Ein Zukunftsmodell für die Dächer schrumpfender Städte?


Für Dachaufbauten, die sich an vorhandene Bauten andocken und deren Infrastruktur nutzen, hat sich seit einigen Jahren in der Architektur- und Kunstszene der Begriff Parasit eingebürgert. Das Wort stammt vom griechischen para für neben und sitos für gemästet. Damit wurden in der Antike Vorkoster bei Opferfesten bezeichnet, die ohne Leistung zu einer Speisung kamen. Laut Wikipedia gilt Parasitismus in der Biologie als »die Wechselwirkung von Organismen unterschiedlicher Arten, bei denen sich der Vertreter der einen Art (der Parasit) aufgrund physiologischer, oft auch struktureller Besonderheiten an oder in einem anderen Lebewesen (dem Wirt) aufhalten muss, um die für seinen Stoffwechsel oder zur Erzeugung von Nachkommen notwendigen Bedingungen zu finden«.
Auf die Architektur haben den Begriff Parasit 1994 Kas Oosterhuis und Ilona Lénárd übertragen. Gemeint war damit eines ihrer blobartigen Wohnungsprojekte, das sich auf bestehenden Dächern und Wasseroberflächen einnisten kann. Unabhängig davon organisierten Rien Korteknie und Mechthild Stuhlmacher 1999 mit ihrer »Stichting Parasite Foundation Rotterdam« einen internationalen Wettbewerb, um Fragen wie Vorfabrikation, Mobilität und den zeitgemäßen Einsatz temporärer ökologischer Strukturen anhand konkreter Projekte zu erforschen, die neue Impulse für unsere Städte geben – analog zur Natur, wo Parasiten den viel größeren Wirt zwar momentan schwächen, seine Überlebensfähigkeit im Zug der Evolution jedoch meistens verbessern. Internationale Aufmerksamkeit erlangte das Konzept des »Parasitismus« durch die experimentelle Minimalwohnung, die Korteknie Stuhlmacher als giftgrünen Dachaufbauf aus Brettsperrholz auf den Aufzugsschacht des Lagergebäudes Las Palmas aufsetzten. Wie eine Flagge am Mast wurde er zum weithin sichtbaren Wahrzeichen des Kunst-Events »Rotterdam 2001«.

Wie die Halbinsel im Rotterdamer Hafen, auf der das Lagergebäude Las Palmas steht, befindet sich auch der Osthafen in Frankfurt in einem radikalen Strukturwandel. Hier im Schatten des zukünftigen Neubaus der Europäischen Zentralbank und abseits der Designerläden an der nahen Hanauerstraße steht ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Für heutige Zwecke sind die dunklen engen Räume schwer nutzbar, eine Sprengung ist aufgrund der massiven Konstruktion kaum möglich. Um preisgünstigen Raum für Künstlerateliers zu gewinnen, entfernten Index Architekten das Walmdach und behandelten das 14 m hohe Gebäude als Sockel, auf dem sie eine auskragende Plattform montierten. Darauf setzten sie eine zweigeschossige Holz-Stahlkonstruktion mit umlaufendem Wandelgang, der nach außen mit einem Metallgewebe verkleidet ist. Dieser Schleier verleiht der hölzernen Box eine raue Ästhetik, die das Projekt in die gestapelte Umgebung aus Containern und Ladekränen integriert. Ausgehend von dieser Intervention soll auf das gesamte vernachlässigte Quartier des Osthafens aufmerksam gemacht und eine weitere Entwicklung durch die »Creative Class« beschleunigt werden.
Auf einem typischen holländischen Polder aktivierte UN Studio einen von zwei nebeneinander liegenden ungenutzten Bunkern als Sockel für ein schwebendes Teehaus, das Anfang 2007 eröffnet wird. Dieser externe Rückzugs- und Besprechungsraum benachbarter Büros und Sporteinrichtungen scheint wie ein parasitärer Baumschwamm aus dem Bestandsbau herauszuwachsen und schafft mit seiner »splendid Isolation« Distanz zum Alltag. Auf drei Seiten geschlossen, weitet sich der Raum mit einer Glasfassade wie ein Guckkasten zum Polospielfeld. Das geneigte Bunkerdach aus grobem Beton setzt sich unmittelbar fort in einer glänzenden fugenlosen Edelstahlhülle, deren komplex gekantete Figur Assoziationen mit den für Radarwellen unsichtbaren Stealth-Geometrien weckt. Aus diesem geschlossenen prismatischen Körper lässt sich wie in einem James Bond- Film die nicht als solche erkennbare Eingangstür zur Seite fahren. Durch das enorme Gewicht des Bunkers wurde es möglich, ohne zusätzliche Fundamente die Stahlkonstruktion bis zu 13 Meter auszukragen. Das Gebäude ist so konstruiert, dass es jederzeit abgebaut und der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden kann.
Auch der Dachaufbau »Ray 1« von Delugan_Meissl in Wien ist demontierbar. Die Stahlkonstruktion ruht auf einem zuvor nicht genutzten Flachdach, das die Architekten für die Dauer von 99 Jahren als Bauplatz für ihr eigenes Wohnhaus gepachtet haben. Der Zugang erfolgt über die Verlängerung des bestehenden außen liegenden Treppenhauses. Die architektonische Qualität liegt in der Spannung zwischen der skulpturalen zeitgenössischen Architektursprache des Aufbaus und der gleichzeitigen Kontextualität mit der darunter liegenden Fassade aus den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Komplexe Faltungen und der Wechsel von Verglasung und Aluminium-Verbundplatten schaffen vexierhaft fließende Räume zwischen innen und außen sowie Rückzugsmöglichkeiten, ohne sich vor den Blicken der Nachbarn mit Gardinen schützen zu müssen. Einziges Mobiliar sind Einbaumöbel als Fortsetzung der bewegten Hülle. Mehrere Dachterrassen auf verschiedenen Ebenen und ein kleiner Pool unterstreichen das großzügige Lebensgefühl. Baurechtlich gesehen handelt es sich um ein Mansarddach, die voluminöse Ausbuchtung für die Liegelandschaft ist die genehmigungsfähige Interpretation einer Gaube.
Eine ebenfalls kontextuelle, formal aber zurückhaltende Aufstockung hat Pierre d‘Avoine 2003 auf dem Piper Building, einem fünfgeschossigen Wohnblock aus den 60er-Jahren im Westen Londons, platziert. Im Rahmen früherer Sanierungsmaßnahmen waren am Ausstieg der zwei innen liegenden Erschließungskerne die Räume für Haustechnik funktionslos geworden. Diese bevorzugte Lage mit direktem Anschluss an das Treppenhaus nutzte der Architekt als erstes Geschoss für je ein Duplex-Penthaus. Das Obergeschoss, das samt Innenausstattung als Stahlrahmenbau wie ein Container vorgefertigt und mit dem Kran aufgesetzt wurde, kragt bis zum Dachrand aus. Dadurch wird der Blick hinunter zur Themse frei, während die Dachfläche und Attika des Altbaus unangetastet bleiben.


Bei der Schaffung zusätzlicher Räume auf dem Dach geht es nicht immer um funktional in sich abgeschlossene Einheiten. Aufbauten können auch durch die Erweiterung des obersten Geschosses erforderlich werden. Um mit geringen finanziellen Mitteln die Dachwohnung eines Eckhauses im saarländischen Merzig durch ein zusätzliches Wohnzimmer, einen Wintergarten und eine Dachterrasse aufzuwerten, setzten die Architekten FloSundK vorgefertigte Kuben in Holzrahmenbauweise auf das Flachdach, in die man über eine innen liegende Treppe gelangt. Der Wohnraum ist im Kontrast zu den gefliesten und verputzten Altbaufassaden mit dunkelgrauen zementgebundenen Spanplatten bekleidet, während der verglaste Wintergarten grün gestrichen ist. Städtebaulich akzentuiert der bewusst sperrige, leicht überstehende Aufbau die Ecke des Gebäudeblocks.
Die Architekten tauften das Projekt »Symbiont«, analog zur Symbiose in der Natur, wo verschiedene Lebewesen zu beiderseitigem Nutzen zusammenleben, d. h. Altbau und Erweiterungsbau sich funktional ergänzen. in vielen Fällen ist es jedoch nicht erwünscht, den Fremdkörper auf dem Dach dominieren oder überhaupt in Erscheinung treten zu lassen. Eine sensible Einfügung in die Dachlandschaft trotz eines über den Bestand auskragenden Erweiterungsbaus ist Hertl.Architekten in der Altstadt von Waidhofen gelungen (siehe Seite 1409ff.). Durch die Bekleidung mit anthrazithfarbenen Faserzementplatten hebt sich der kubische Aufbau nur unwesentlich von den benachbarten mit Schiefer bedeckten Mansarddächern ab.
Sollberger Bögli blieben bei der Erweiterung einer Werbe agentur im obersten Geschoss eines Bieler Verwaltungsgebäudes in respektvollem Abstand von der Dachkante zurück. Nur aus der Distanz ist die technoid silbern glänzende Figur sichtbar, wird aber nicht als Büro wahrgenommen, da sie in der Typologie von Klimaaufbauten mit abgerundeten Gebäudekanten und Bullaugen gestaltet ist. Von außen unbemerkt erweitern sich die ganz in weiß gehaltenen Besprechungsräume auf eine gedeckte Dachterrasse, die seitlich vom Spalier eng gestellter Aluminiumstäbe geschützt wird und dennoch Ausblicke nach drei Seiten ermöglicht.

Die auflockernde Ästhetik nachträglicher Aufbauten wird auch bei Neubauten als Gestaltungsprinzip eingesetzt. Der Gebäudeblock Prinsenhoek von Neutelings Riedijk ist in drei Schichten gegliedert. Über dem Sockel mit Läden und Büros und einem dreigeschossigen Mittelteil mit Wohnungen erwecken sechs Penthäuser – drei pro Geschoss – den Anschein, als seien sie nachträglich aufgesetzt. Die spielerisch angeordneten, zederbekleideten Kuben vermitteln Leichtigkeit und lösen die dunkle Gebäudemasse nach oben hin auf, Vor und Rücksprünge schaffen geschützte Dachterrassen.
Während die Penthäuser von Prinsenhoek fälschlicher Weise den Anschein von Duplexwohnungen erwecken, handelt es bei der Sanierung im Ostberliner In-Bezirk Prenzlauer Berg von zanderroth architekten tatsächlich um vier zweigeschossige Einfamilien- Reihenhäuser, die nachträglich auf ein Jugendstilhaus aufgesetzt wurden. Da für die Galerieebene der Maisonetten eine zweite externe Erschließung als Fluchtweg vorgeschrieben war, verlängerten die Architekten diese Treppe bis auf das Dach und schufen so ohne wesentlichen Mehraufwand eine dritte Ebene als Dachgarten. Von diesem für Berlin seltenen siebten Geschoss schweift der Blick ringsum frei über die Dächer der Hauptstadt. Die Küche ist zum Laubengang, das Wohnzimmer nach Süden zur Loggia hin voll verglast. Da nicht alle Wände des Dachaufbaus über Wänden des Altbaus liegen, waren umfangreiche statische Maßnahmen erforderlich. Um die Lasten auf die Ziegelwände aus der Gründerzeit umzuleiten, musste das alte Dach entfernt, die Mauerkronen um 50 cm gekürzt und durch einen Ringanker aus Beton ersetzt werden. Auf diesem »Fundament« liegen Stahlträger auf, zwischen die Betonfertigteilplatten eingelegt sind. Von der Straße aus ist von der massiven Konstruktion nichts zu spüren. Mit seinen dunklen Aluminiumverbundplatten wirkt der Kubus schwebend leicht über dem vollverglasten Rücksprung der Loggien zwischen den historisierenden Stuckfassaden.

Soll die Nachverdichtung auf unseren Dächern auch eine städtebauliche Relevanz haben, so muss die Größenordnung über den Maßstab einzelner Wohnungen, Ateliers oder Besprechungsräume hinausgehen. Für ganze Siedlungen auf den Dächern reicht meist jedoch die Statik der Altbauten nicht aus. Parasiten können aber auch Denkanstöße für innovative hybride Typolo gien von Neubauten geben. Im Kopenhagener Stadtteil Ørestad bauen die Architekturbüros BIG und JDS so genannte Mountain Dwellings, die 2008 fertiggestellt sein werden. Vom ersten bis zum zehnten Geschoss bilden 80 eingeschossige Winkelhäuser einen künstlichen Berg, der nach Süden terrassiert ist und nach Norden senkrecht abbricht. Die Dachflächen der 70 m2 großen Apartments dienen jeweils als 40 m2 große Holzterrasse für die darüberliegende Wohnung – Penthausqualität über zehn Geschosse. Diese Terrassenlandschaft aus hängenden Gärten ist zugleich das Dach eines viergeschossigen Parkhauses.
Die derzeit wohl weltweit spektakulärste geplante Dachaufstockung von urbanen Dimensionen ist die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen von Herzog & de Meuron, die 2009 eröffnet werden soll. Auf den ehemaligen Kaispeicher A von Werner Kallmorgen aus dem Jahre 1966 setzen die Architekten einen gläsernen Kristall, dessen in gewellter Bewegung ansteigendes Dach an der Südspitze der Halbinsel über 100 Meter über dem Wasserspiegel der Elbe aufragt. Durch eine Vielzahl von Nutzungen mit insgesamt 114 000 m2 Bruttogeschossfläche auf 24 Geschossen entsteht ein komplexer Kulturbau als Stadt über der Stadt, ähnlich wie es Bruno Taut 1917 in seiner Publikation »die Stadtkrone« formuliert hat. Während bei Taut jedoch die unterschiedlichen Nutzungen der Wertigkeit hierarchisch streng vertikal von unten nach oben geschichtet sind – vom profanen Kaufhaus über eine Ebene aus Bibliothek, Opernhaus und Museum bis zum funktionslosen kristallartigen Andachtsraum als Krone – steigert sich die Bedeutung der Funktionen im Glasaufbau der Elbphilharmonie von außen nach innen.

Die Fassaden und die Primärkonstruktion des Kaispeichers bleiben erhalten. Sie dienen nicht nur ästhetisch, sondern auch statisch als Sockel für den Aufbau. Die dicken Stützen im Innern des ehemaligen Kakaolagers müssen jedoch entkernt werden, um 750 Stellplätzen Platz zu machen und die diagonale Auffahrt auf Rolltreppen bis zur öffentlichen gedeckten Plaza – einer deutlich artikulierten Fuge zwischen Sockel und Kristall – zu ermöglichen. Große parabolische Einschnitte an der Unterseite des Glaskristalls eröffnen theatralische Ausblicke über die Elbe. Hier in 37 m Höhe befindet sich die Verteilerebene zu den Kassen mit Foyers der Philharmonie und zu den Restaurants der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. Die ebenfalls geschwungene Dachlandschaft vermittelt zwischen der Spitze und der 20 Meter tieferliegenden Traufe im Norden.

Der Konzertsaal für 2200 Personen mit räumlichen Anklängen an Scharouns Berliner Philharmonie und ein Kammermusiksaal für 550 Personen in der klassischen Schuhkartongeometrie des Wiener Musikvereinssaals liegen von außen unsichtbar wie Kerne umrahmt im Zentrum des Gebäudes. Die umgebende Raumschicht mit den Fassaden zum Wasser bilden die 220 Hotelzimmer mit Wellnessbereich, Konferenzräumen und »Skybar« sowie 35 Luxuswohnungen von 75 bis 220 m2 an der Westspitze, die funktional an den Hotelservice angeschlossen werden können. Die Ausstrahlungskraft des Gebäudes besteht in der Spannung zwischen Altund Neubau. Anstatt eine freie Form auf den Sockel zu setzen, zeichnen die Fassaden des Glasaufbaus diszipliniert den spitz zulaufenden trapezförmigen Grundriss des Kaispeichers nach, wie durch eine Extrusion erzeugt. Das Ergebnis ist eine Einheitlichkeit der Gesamtform trotz der unterschiedlichen Hüllen aus Backstein und Glas.
Im Unterschied zu den kleinen »Parasiten« pflanzen sich die neue Nutzungen der Elbphilharmonie bis in den gesamten Altbau fort: Statt Kakao werden im Kaispeicher in Zukunft Autos eingelagert. Auch hier ist ein Ziel der Dachaufstockung, eine Initialzündung für die weitere Entwicklung eines ganzen Stadtviertels – in diesem Falle der Hafencity – zu geben. Die Elbphilharmonie soll zum Wahrzeichen Hamburgs werden, zum leuchtenden Anziehungspunkt für Touristen und Musikfreunde. Wie alle Parasiten wird sie auch dazu beitragen, über die Funktion von Dächern neu nachzudenken – nicht nur als fünfte Fassade, sondern als potenzielles Grundstück für eine zweite Nutzung.
Autor: Frank Kaltenbach