Interview

Der Berliner Architekt Jan Ulmer versteht seine Projekte als „unsichtbare“ Architektur – als Bühne, auf der sich der Nutzer ausbreiten kann. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass seine Konzepte beliebig oder nicht ablesbar wären. Im Gegenteil. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für gute Architektur sieht Ulmer in präzisen und von der Grundrissstruktur bis hin zur Detailausbildung kohärenten Konzepten. Und so wirken seine Projekte am Ende ebenso selbstbewusst wie gelassen, ebenso reduziert wie komplex. Jan Ulmer im Interview…


Sie arbeiten in einer Art festem Teamnetzwerk, bei dem sich die Beteiligten je nach Projektanforderung immer wieder neu konfigurieren. Wie läuft das konkret ab?

Bei überschaubaren Aufgaben arbeitet jeder von uns allein, während wir uns für große Bauaufgaben oder Wettbewerbe wie etwa für das Bundesministerium für Inneres in Berlin zusammenschließen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Arbeitsvolumen hier so groß ist, dass es von einem allein nicht zu bewältigen ist. Die Zusammensetzung der Gruppe ergibt sich aus den unterschiedlichen Bauaufgaben bzw. Kompetenzen der einzelnen Partner. Damit nun der Einzelne und die Gemeinschaft gleichermaßen zur Geltung kommen entstand der Büroname mit der Erweiterung TM. Dieses Kürzel wird in Kombination mit dem jeweils eigenen Namen angewendet und steht im Sinne von „Team“ für eine nach außen sichtbare Verbundenheit.

Besucherzentrum Herkules
Besucherzentrum Herkules

Welcher rote Faden verbindet Partner und Projekte?

Zunächst einmal geht es nicht um spektakuläre Architektur oder oberflächliche Formen, sondern um sehr aufgabenspezifische Lösungen. Ich bin der Meinung, dass gute Architektur sehr kohärent sein muss und es keine Beliebigkeit geben darf. Voraussetzung ist ein ebenso präzises wie durchgängiges Konzept – von der Grundrissstruktur über den Gebäudetyp bis hin zur Fassade.

Können Sie diese Haltung am Beispiel des Wettbewerbs zum Neubau eines Besucherzentrum am Herkulesmonument in Kassel erläutern?

Prägend bei diesem Projekt war der Umgang mit der alles bestimmenden Mittelachse des Herkulesmonuments. Wir suchten nach einer Lösung, die sich einerseits klar auf dieses System der Achse bezieht, andererseits aber eigenständig und gleichwertig erscheint. Fündig wurden wir in der hinsichtlich ihrer Struktur sehr beweglichen Grundrisstypologie des Kreises. Egal, ob Stützen, abgeschlossene Innenräume oder der Baukörper selbst – alles wurde rund ausgebildet. So entstand eine ebenso kontrollierte wie erzählerische „Landschaft“, ein Raumkontinuum scheinbar ohne Anfang und Ende.

Bundesverwaltungsgericht St. Gallen
Bundesverwaltungsgericht St. Gallen

Sind Kontrolle und Erzählung in der Architektur nicht Gegensätze?

Im Gegenteil. Sie laden sich gegenseitig auf und führen zu jener Komplexität, die wir in der Architektur immer suchen. Das Gebäude wirkt klar, einfach und reduziert, verfügt aber über einen inneren Reichtum und bietet verschiedene Wahrnehmungsebenen. Wir sind der Überzeugung, dass man mit ganz einfachen Mitteln sehr viel erreichen kann, wenn man den Ort mit einbezieht und sich gleichzeitig eine Eigenständigkeit bewahrt. In dieser Hinsicht sprechen wir gern von einer „unsichtbaren“ Architektur, einer selbstverständlichen, gelassenen, aber auch bewussten Architektur, die sich als Bühne versteht, auf der sich der Nutzer ausbreiten kann.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Bauherr?

Architektur ist eine Dienstleistung. Und so ist die Beziehung zwischen Architekt und Bauherr von zentraler Bedeutung. Dabei ist es wichtig, individuelle Wünsche des Bauherrn aufzunehmen und in ein abgestimmtes Gesamtkonzept zu integrieren, ohne dabei die Grundzüge des Entwurfs zu verwässern. An dieser Stelle wird schnell deutlich, ob ein Konzept starr und unbeweglich ist oder ob es über eine gewisse Elastizität und Offenheit verfügt.

Besucherzentrum Gedenkstätte Berliner Mauer
Besucherzentrum Gedenkstätte Berliner Mauer

… ein Aspekt, der die Grundlage auch für das von Ihnen entwickelte Regalsystem Eminem bilden dürfte?

Richtig. Dieses modulare Regalsystem basiert auf einer einzigen Größe von Holzbrettern, die sich durch zwei unterschiedliche Fräsungen werkzeug- und schraubenlos ineinander stecken lassen. Nach diesem einfachen Prinzip lassen sich vielfältigste Figuren generieren – lange Regalwände ebenso wie komplexe räumliche Strukturen.

Nebenbei sind Sie als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Hilde Léon am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre der Leibniz Universität Hannover tätig. Welche Beweggründe gab es hierfür?

Vor allem die Beschäftigung mit Architekturtheorie bzw. ihrer Vermittlung. Wichtig ist aber auch die Zusammenstellung von Lehrinhalten und Aktivitäten, etwa die Planung von Exkursionen. Davon profitieren nicht nur meine Studenten, sondern letztlich auch meine eigene Arbeit.